Warum wir uns auf Treffen freuen – und kurz vorher am liebsten absagen würden

Dienstag:

„Samstag? Ja, total gern!“

Samstag, 16:42 Uhr:

Warum habe ich das gemacht?

Das Treffen beginnt um 19 Uhr.

Eigentlich magst du die Menschen, mit denen du verabredet bist.

Du hast dich sogar darauf gefreut.

Und trotzdem erscheint das eigene Sofa plötzlich wie der attraktivste Ort auf diesem Planeten.

Noch 2 Stunden und 18 Minuten.

Vielleicht könnte man absagen.

Kopfschmerzen?

Zu durchschaubar.

„Bin heute irgendwie nicht fit“?

Solide.

Oder einfach die Wahrheit:

„Ich mag euch sehr, aber plötzlich möchte ich meine Jogginghose anziehen und bis morgen mit niemandem mehr sprechen.“

Merkwürdigerweise schreiben wir diesen Satz eher selten.

Vorfreude und keine Lust können gleichzeitig existieren

Das Irritierende an solchen Momenten ist:

Wir denken oft, unsere aktuelle Stimmung müsse beweisen, was wir wirklich wollen.

Wenn ich jetzt keine Lust habe, wollte ich das Treffen dann überhaupt?

Vielleicht ja.

Denn zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein:

Du kannst dich auf Menschen freuen und trotzdem gerade keine Energie für Menschen haben.

Du kannst gern ausgehen und gleichzeitig keine Lust darauf haben, dich fertig zu machen.

Du kannst ein Treffen schön finden und trotzdem kurz vorher denken:

Bitte sagt einfach alle ab.

Das ist kein logischer Fehler.

Es ist ziemlich menschlich.

Das Problem ist manchmal gar nicht das Treffen

Zwischen „Ich freue mich auf Samstag“ und „Ich möchte Samstag niemanden sehen“ liegt schließlich:

Samstag.

Vielleicht war die Woche voll.

Vielleicht hast du schlecht geschlafen.

Vielleicht gab es Termine, Gespräche und 73 Dinge, auf die du reagieren musstest.

Dienstag hast du dir einen entspannten Samstag vorgestellt.

Samstag stehst du dagegen als leicht erschöpfte Version deiner selbst in der Küche und fragst dich, ob Duschen heute wirklich noch notwendig ist.

Unsere zukünftige Energie kalkulieren wir erstaunlich optimistisch.

Das zukünftige Ich ist schließlich immer:

ausgeschlafen,

gut gelaunt,

organisiert,

sportlich,

und selbstverständlich bereit, um 20 Uhr noch irgendwo hinzugehen.

Das gegenwärtige Ich hat dazu gelegentlich Rückfragen.

Auch der Übergang kostet Energie

Es gibt außerdem einen unterschätzten Teil jeder Verabredung:

hingehen.

Vom Sofa aufstehen.

Klamotten suchen.

Vielleicht noch Haare waschen.

Losfahren.

Parkplatz suchen.

Oder sich in öffentliche Verkehrsmittel begeben, in denen offenbar immer genau dann Bauarbeiten stattfinden, wenn man ohnehin schon über eine Absage nachdenkt.

Das Interessante:

Häufig ist nicht das Treffen selbst das Problem.

Sondern der Weg von „Ich bin gerade gemütlich zu Hause“ zu „Ich bin jetzt sozial verfügbar“.

Und sobald man angekommen ist?

Ist es plötzlich schön.

Dann sitzt man da, lacht, redet und denkt:

Gut, dass ich gekommen bin.

Bis man eine Woche später wieder exakt dieselbe Diskussion mit sich selbst führt.

Warum wir uns manchmal wünschen, dass die anderen absagen

Eine besonders elegante Lösung ist deshalb:

Die andere Person sagt ab.

Denn dann passiert etwas Wundervolles.

Man bekommt einen freien Abend – ohne selbst dafür verantwortlich zu sein.

Keine Entscheidung.

Kein schlechtes Gewissen.

Keine Nachricht, die man dreizehnmal umformulieren muss.

Nur:

„Ach schade! Aber dann ein anderes Mal 😊“

Und während man dieses „schade“ tippt, hat die Jogginghose bereits gewonnen.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir den anderen Menschen nicht sehen wollten.

Manchmal bedeutet es nur:

Wir wollten gerade noch etwas anderes ebenfalls sehr dringend: nichts.

Wann sollte man trotzdem hingehen?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten.

Aber es gibt einen kleinen Unterschied, der interessant sein kann.

Manchmal ist da dieses:

„Uff, ich habe gerade keine Lust, mich aufzuraffen.“

Und manchmal:

„Ich bin wirklich erschöpft und brauche heute Ruhe.“

Von außen klingt beides nach „keine Lust“.

Innen kann es sich ziemlich unterschiedlich anfühlen.

Eine hilfreiche Frage ist deshalb:

Wie werde ich mich wahrscheinlich fühlen, wenn ich dort bin?

Wenn die Antwort lautet:

„Vermutlich gut. Ich muss nur erst mal loskommen“,

dann lohnt sich das Aufraffen vielleicht.

Wenn du dagegen schon bei der Vorstellung merkst:

„Ich bin eigentlich komplett leer und werde den ganzen Abend nur versuchen durchzuhalten“,

dann könnte Absagen tatsächlich die vernünftigere Entscheidung sein.

Nicht jede Unlust muss überwunden werden.

Und nicht jede Unlust bedeutet, dass wir zu Hause bleiben sollten.

Leider gibt es hierfür keine App mit Ampelsystem.

Das schlechte Gewissen beim Absagen

Und dann wäre da noch dieser kleine Klassiker:

Man möchte absagen.

Und sofort entsteht die innere Gerichtsverhandlung.

Aber ich habe zugesagt.

Die denken be

stimmt, ich habe keine Lust auf sie.

Ich kann doch nicht schon wieder absagen.

Vielleicht sind sie enttäuscht.

Das kann alles eine Rolle spielen.

Denn natürlich ist Verlässlichkeit wichtig.

Wenn man jedes zweite Treffen zwanzig Minuten vorher absagt, darf das Umfeld irgendwann durchaus Fragen haben.

Aber ebenso gilt:

Menschen dürfen müde sein.

Pläne dürfen sich ändern.

Und manchmal merken wir unsere eigene Kapazität eben erst dann, wenn das Treffen plötzlich nicht mehr nächsten Samstag, sondern heute Abend ist.

Eine ehrliche Absage ist dann häufig freundlicher als drei Stunden körperlich anwesend zu sein, während die eigene Seele bereits im Bett liegt.

Vielleicht müssen wir weniger dramatisch absagen

Wir tun manchmal so, als müssten Absagen einen medizinischen Notfall voraussetzen.

Dabei könnte man durchaus schreiben:

„Ich hatte mich auf dich gefreut, merke aber gerade, dass meine Woche mehr Energie gekostet hat als gedacht. Können wir das verschieben?“

Das ist weniger spektakulär als die plötzlich einsetzende mysteriöse Migräne.

Aber deutlich näher an der Wahrheit.

Und gute Beziehungen halten in der Regel aus, dass Menschen gelegentlich keine Kapazität haben.

Umgekehrt dürfen andere natürlich enttäuscht sein.

Auch das gehört dazu.

Und manchmal hilft die 30-Minuten-Regel

Wenn du nicht weißt, ob du wirklich absagen möchtest oder nur akute Sofa-Trägheit erlebst, kannst du dir einen kleinen Test erlauben:

Mach dich erst einmal fertig.

Duschen.

Anziehen.

Vielleicht etwas essen.

Und entscheide danach noch einmal.

Es klingt banal, aber manchmal verändert bereits der Übergang die Stimmung.

Aus:

„Auf keinen Fall.“

wird:

„Na gut.“

Und aus „Na gut“ wird zwei Stunden später erstaunlich oft:

„War echt schön.“

Wenn sich allerdings selbst nach dem Fertigmachen alles in dir nach Rückzug anfühlt, hast du ebenfalls eine Antwort.

Die eigentliche Frage ist vielleicht gar nicht: Gehe ich hin?

Sondern:

Warum fällt es mir so schwer, meine aktuelle Energie ernst zu nehmen?

Manche von uns haben erstaunlich wenig Schwierigkeiten damit, den Kalender zu füllen.

Schwieriger wird es, freie Räume zu schützen.

Ein Abend ohne Plan wirkt schnell wie ein Abend, an dem man noch etwas unterbringen könnte.

Bis irgendwann selbst schöne Dinge anfangen, nach Verpflichtung auszusehen.

Vielleicht ist deshalb gelegentliche „Keine-Lust-auf-Treffen“-Stimmung auch ein kleiner Hinweis:

Nicht unbedingt darauf, dass du weniger Menschen brauchst.

Vielleicht einfach darauf, dass du zwischendurch mehr Zeit brauchst, in der niemand etwas von dir möchte.

Vielleicht ist mit dir also alles ziemlich normal

Wenn du am Donnerstag voller Überzeugung ein Treffen vereinbarst und am Samstag um 17 Uhr plötzlich hoffst, dass die andere Person spontan Fieber bekommt – natürlich nur ganz leichtes und schnell vorübergehendes –, musst du daraus keine große Charakterfrage machen.

Vielleicht bist du müde.

Vielleicht ist dein Sofa gemütlich.

Vielleicht ist der Wechsel von Ruhe zu Gesellschaft gerade anstrengender als gedacht.

Und vielleicht gehst du trotzdem hin und hast einen wunderbaren Abend.

Oder du sagst ab, machst Nudeln und bist um 21:15 Uhr glücklich darüber, mit niemandem reden zu müssen.

Beides kann die richtige Entscheidung sein.

Die Kunst besteht vermutlich weniger darin, immer hinzugehen oder immer auf sich zu hören.

Sondern ein bisschen besser zu unterscheiden:

Brauche ich gerade wirklich Ruhe – oder brauche ich nur fünf Minuten, um mich vom Sofa zu verabschieden?

Leider muss man diese Frage selbst beantworten.

Das Sofa ist in solchen Angelegenheiten nämlich nicht besonders objektiv.

Häufige Fragen

Warum habe ich kurz vor einem Treffen plötzlich keine Lust mehr?

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Häufig entspricht die eigene Energie am Tag des Treffens nicht der, mit der man bei der Planung gerechnet hat. Auch der Übergang von Ruhe zu sozialer Aktivität kann sich zunächst anstrengend anfühlen.

Ist es okay, ein Treffen abzusagen, weil ich Ruhe brauche?

Grundsätzlich darf Erholung ein legitimer Grund sein. Gleichzeitig spielt Verlässlichkeit in Beziehungen eine Rolle. Wenn kurzfristige Absagen sehr häufig vorkommen, kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen, warum du regelmäßig mehr planst, als dir tatsächlich guttut.

Warum bin ich froh, wenn andere ein Treffen absagen?

Oft entfällt dadurch ein innerer Konflikt: Du bekommst freie Zeit, ohne selbst entscheiden oder jemanden enttäuschen zu müssen. Das bedeutet nicht automatisch, dass dir die andere Person nicht wichtig ist.

innerhalt

Manchmal freuen wir uns auf Menschen.

Und manchmal freuen wir uns genauso sehr darauf, dass heute einfach niemand mehr klingelt.

Das widerspricht sich weniger, als es klingt.

Vielleicht müssen wir nicht aus jeder spontanen Unlust eine große Erkenntnis machen.

Aber wir können gelegentlich genauer hinschauen:

Will ich wirklich nicht – oder möchte ich gerade nur nicht los?

Eine kleine Frage.

Mit überraschend unterschiedlichen Antworten.

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