Was du beeinflussen kannst – und was nicht: Wie die Einflusskreise beim Grübeln helfen

Du hast eine Nachricht geschrieben und wartest auf eine Antwort. Vielleicht geht es um ein klärendes Gespräch, vielleicht um eine wichtige Entscheidung oder einfach um etwas, das dir persönlich am Herzen liegt.

Du schaust auf dein Smartphone, legst es wieder weg und fragst dich, warum die andere Person noch nicht reagiert hat. Vielleicht überlegst du, ob du noch einmal nachfragen solltest. Oder ob dein Gegenüber verärgert sein könnte. Möglicherweise gehst du bereits mögliche Antworten durch und überlegst, wie du darauf reagieren würdest.

Irgendwann stellst du fest, dass du dich seit einer halben Stunde mit etwas beschäftigst, das du im Moment überhaupt nicht verändern kannst.

Eine ziemlich menschliche Angewohnheit übrigens.

Wenn uns etwas wichtig ist, möchten wir gern wissen, wie es weitergeht. Besonders unangenehm wird es, wenn die Antwort von anderen Menschen, äußeren Umständen oder Entwicklungen abhängt, auf die wir nur wenig Einfluss haben.

Eine hilfreiche Methode, um solche Situationen besser einzuordnen, sind die Einflusskreise nach Stephen R. Covey.

Die dahinterstehende Frage ist einfach: Was davon liegt tatsächlich in meiner Hand – und womit beschäftige ich mich gerade, obwohl ich es gar nicht kontrollieren kann?


Warum wir uns mit Dingen beschäftigen, die wir nicht ändern können

Unser Gehirn ist ausgesprochen gut darin, mögliche Entwicklungen vorwegzunehmen. Wir überlegen, was passieren könnte, welche Schwierigkeiten entstehen und wie wir unangenehme Situationen möglicherweise verhindern können.

Das ist grundsätzlich hilfreich. Schließlich ermöglicht uns diese Fähigkeit, Probleme frühzeitig zu erkennen und uns vorzubereiten.

Schwieriger wird es, wenn aus vorausschauendem Denken ein ständiges Kreisen um dieselben Fragen wird.

Was denkt die andere Person über mich? Wird das Gespräch gut laufen? Warum hat sie so reagiert? Und was passiert, wenn meine Befürchtung tatsächlich eintritt?

Je länger wir darüber nachdenken, desto stärker kann das Gefühl entstehen, unbedingt etwas tun zu müssen.

Dabei übersehen wir manchmal, dass nicht jede Frage durch weiteres Nachdenken beantwortet werden kann.

Genau hier kann es hilfreich sein, die eigenen Handlungsmöglichkeiten genauer anzuschauen.


Die Idee hinter den Einflusskreisen

Der Autor und Managementexperte Stephen R. Covey beschreibt in seinem Ansatz zwei Bereiche: den Kreis unserer Sorgen und Interessen sowie den Kreis unseres Einflusses.

Im äußeren Bereich liegen all die Themen, die uns beschäftigen oder betreffen. Dazu gehören beispielsweise die Entscheidungen anderer Menschen, gesellschaftliche Entwicklungen oder Situationen, deren Ausgang wir nicht bestimmen können.

Innerhalb dieses Bereichs liegt der Kreis unseres Einflusses. Hier finden sich Dinge, bei denen wir durch unser Verhalten, unsere Entscheidungen oder unser Handeln tatsächlich etwas bewirken können.

Für die persönliche Reflexion lässt sich diese Unterscheidung noch etwas feiner betrachten, indem wir drei Bereiche bilden:

Was kann ich direkt gestalten? Worauf habe ich begrenzten Einfluss? Und was liegt außerhalb meiner Kontrolle?

Diese Einteilung ist eine praktische Erweiterung des ursprünglichen Modells und kann im Alltag besonders anschaulich sein.


1. Was liegt direkt in meiner Hand?

Beginnen wir mit dem innersten Kreis.

Hier geht es um dein eigenes Verhalten und um Entscheidungen, die du selbst treffen kannst.

Du kannst beispielsweise bestimmen, ob du ein Gespräch suchst, welche Worte du dafür wählst oder ob du eine Pause brauchst, bevor du antwortest.

Du kannst deine Bedürfnisse aussprechen, Fragen stellen, Grenzen setzen oder dir Unterstützung holen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass du deine Gefühle jederzeit kontrollieren kannst. Emotionen entstehen nicht einfach auf Knopfdruck und verschwinden auch nicht automatisch, nur weil wir uns vornehmen, anders zu reagieren.

Es geht vielmehr darum, welche Handlungsmöglichkeiten dir trotz deiner Gefühle zur Verfügung stehen.

Vielleicht kannst du deine Unsicherheit nicht sofort abstellen. Du kannst aber entscheiden, ob du auf eine Vermutung reagierst oder zunächst nachfragst, was tatsächlich gemeint war.


2. Was kann ich beeinflussen, aber nicht bestimmen?

Der zweite Bereich ist etwas komplizierter.

Hier liegen Situationen, in denen dein Verhalten durchaus etwas verändern kann, deren Ausgang aber nicht allein von dir abhängt.

Du kannst beispielsweise ein schwieriges Thema ansprechen und versuchen, ein Missverständnis zu klären. Du kannst erklären, warum dich eine Bemerkung verletzt hat, und dein Gegenüber darum bitten, künftig anders mit dir zu kommunizieren.

Ob die andere Person dafür offen ist, kannst du jedoch nicht garantieren.

Dasselbe gilt für viele andere Lebensbereiche. Du kannst dich gut auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten, aber nicht bestimmen, ob du die Stelle bekommst. Du kannst dich um eine Freundschaft bemühen, aber nicht allein dafür sorgen, dass sie funktioniert.

Der Unterschied zwischen Einfluss und Kontrolle ist deshalb besonders wichtig.

Denn auch wenn du etwas nicht vollständig bestimmen kannst, bedeutet das nicht, dass du überhaupt keine Möglichkeiten hast.


3. Was liegt außerhalb meiner Kontrolle?

Im äußeren Kreis befinden sich Dinge, die du nicht oder zumindest nicht unmittelbar verändern kannst.

Dazu gehört beispielsweise, was andere Menschen denken oder fühlen, welche Entscheidungen sie treffen oder was in der Vergangenheit bereits geschehen ist.

Du kannst nicht verhindern, dass jemand enttäuscht ist. Du kannst nicht bestimmen, wie ein Gespräch ausgeht, und du kannst auch nicht jede unangenehme Entwicklung rechtzeitig erkennen.

Das anzuerkennen kann schwierig sein, gerade wenn dir eine Situation sehr wichtig ist.

Dabei bedeutet es nicht, dass dir die Sache gleichgültig werden muss. Du darfst traurig, enttäuscht oder besorgt sein, auch wenn du daran gerade nichts ändern kannst.

Manche Probleme brauchen zudem Unterstützung, gemeinsame Lösungen oder strukturelle Veränderungen. Nicht alles lässt sich allein dadurch bewältigen, dass du deine eigene Einstellung veränderst.

Die Einflusskreise sollen deshalb nicht dazu auffordern, schwierige Umstände einfach hinzunehmen. Sie können vielmehr helfen, genauer zu erkennen, an welcher Stelle dein Handeln sinnvoll und möglich ist.


Ein Beispiel aus dem Alltag

Stell dir vor, du hast dich mit einer Freundin verabredet und sie sagt zum wiederholten Mal kurzfristig ab.

Du bist enttäuscht und fragst dich, ob ihr die Freundschaft überhaupt noch wichtig ist.

Vielleicht versuchst du nun, ihre Gründe zu verstehen. Du überlegst, warum sie sich so verhält, ob sie andere Menschen bevorzugt und was du vielleicht falsch gemacht hast.

Wenn du die Situation mithilfe der Einflusskreise betrachtest, verändert sich die Perspektive.

Direkt gestalten kannst du, wie du mit deiner Enttäuschung umgehst und ob du das Thema ansprichst.

Beeinflussen kannst du möglicherweise, wie ihr künftig Verabredungen gestaltet und welche Erwartungen ihr miteinander klärt.

Nicht bestimmen kannst du, welche Prioritäten deine Freundin setzt, wie sie auf das Gespräch reagiert oder ob sie bereit ist, etwas zu verändern.

Vielleicht führt diese Unterscheidung dazu, dass du ein offenes Gespräch suchst.

Vielleicht merkst du aber auch, dass du bereits mehrfach erklärt hast, was dich verletzt, und nun überlegen möchtest, welche Konsequenzen du selbst daraus ziehst.

Beides kann ein sinnvoller nächster Schritt sein.


Eine kleine Übung: Zeichne deine eigenen Einflusskreise

Wenn dich ein Thema gerade sehr beschäftigt, nimm ein Blatt Papier und zeichne drei Kreise ineinander.

Schreibe in die Mitte, was du selbst unmittelbar gestalten kannst. Das können eigene Entscheidungen, konkrete Handlungen, persönliche Grenzen oder Fragen sein, die du stellen möchtest.

Im zweiten Kreis sammelst du die Dinge, auf die du Einfluss nehmen kannst, deren Ausgang aber nicht allein von dir abhängt.

Im äußeren Kreis notierst du schließlich alles, was dich zwar beschäftigt, was du im Moment jedoch nicht kontrollieren kannst.

Schau dir anschließend an, womit du in letzter Zeit besonders viel gedankliche Energie verbracht hast.

Vielleicht bemerkst du, dass du dich intensiv mit den möglichen Reaktionen eines anderen Menschen beschäftigst, aber noch gar nicht darüber nachgedacht hast, was du selbst eigentlich brauchst.

Oder du stellst fest, dass du auf eine Antwort wartest, obwohl du in der Zwischenzeit durchaus etwas anderes für dich tun könntest.

Die Übung muss nicht dazu führen, dass du deine Sorgen sofort loslassen kannst. Manchmal hilft es bereits, sie ein wenig anders einzuordnen.


Es geht nicht darum, alles unter Kontrolle zu haben

Die Einflusskreise können uns daran erinnern, dass Verantwortung und Kontrolle nicht dasselbe sind.

Du kannst Verantwortung für deine Worte, Entscheidungen und Handlungen übernehmen. Du musst deshalb aber nicht gleichzeitig die Gefühle, Erwartungen und Reaktionen aller anderen Menschen tragen.

Gerade in Beziehungen ist diese Unterscheidung manchmal schwieriger, als sie zunächst klingt.

Wir möchten verstanden werden, niemanden enttäuschen und möglichst verhindern, dass Konflikte entstehen. Dabei vergessen wir gelegentlich, dass zwischen unserem Verhalten und der Reaktion eines anderen Menschen immer noch dessen eigene Perspektive liegt.

Der INNERHALT-Kompass kann an dieser Stelle eine sinnvolle Ergänzung sein. Nachdem du wahrgenommen hast, was dich beschäftigt, und die Situation genauer eingeordnet hast, geht es darum, einen tragfähigen nächsten Schritt zu wählen.

Manchmal besteht dieser Schritt darin, aktiv zu werden. Manchmal darin, Unterstützung zu suchen oder eine Grenze zu ziehen. Und manchmal bedeutet er auch, eine offene Frage vorerst offen zu lassen.

Denn nicht jede Unsicherheit lässt sich auflösen, indem wir noch länger darüber nachdenken.


Fazit: Nicht alles liegt in deiner Hand – aber manches schon

Wenn dich beim nächsten Mal eine Situation nicht loslässt, könnte eine einfache Frage hilfreich sein:

Was davon kann ich tatsächlich beeinflussen?

Vielleicht verändert diese Frage nicht sofort die äußeren Umstände. Sie kann dir aber zeigen, wo du Handlungsmöglichkeiten hast und welche Erwartungen du möglicherweise an dich selbst stellst, obwohl sie außerhalb deiner Verantwortung liegen.

Du musst nicht jede Reaktion vorhersehen, jedes Missverständnis verhindern oder alle Antworten bereits kennen.

Manchmal reicht es, den eigenen Handlungsspielraum wieder etwas klarer zu sehen und von dort aus zu entscheiden, wie du weitergehen möchtest.

Erst verstehen. Dann weitergehen.

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